Logo

Bündnis 90/Die Grünen Eitorf

 


Rhein-Sieg-Anzeiger vom 17.06.2010:

GENTECHNIK - Gerücht sorgt für Aufsehen

Gentechnikfreie Zone Rhein-Sieg-Kreis? Immer mehr Kommunen wenden sich gegen den Einsatz gentechnisch veränderter Organismen in der Landwirtschaft. Verbraucher sollten sich über die Herstellung von Waren informieren.

RHEIN-SIEG - Das Gerücht sorgt für Aufsehen: Versucht der US-Gentechnik-Konzern Monsanto, im Rhein-Sieg-Kreis Ackerflächen zu kaufen? Bestätigen kann es niemand: Weder die Kreisverwaltung, die angeblich betroffene Gemeinde Lohmar, noch die Kreisbauernschaft. Doch ob das Gemunkel stimmt oder nicht: Würde die Gentechnik tatsächlich erst mit dem Verkauf von Agrarflächen Einzug im Rhein-Sieg-Kreis halten?

In der Tat hat das Robert-Koch-Institut in Berlin bereits im Jahr 2002 den Anbau, die so genannte "Freisetzung", von gentechnisch verändertem Raps im Swisttaler Ortsteil Morenhoven genehmigt - bis zum Jahr 2007. Trotz massiver Proteste war damals auf einem dreizehn Hektar großen Versuchsgelände manipulierter Winterraps ausgebracht worden. Über einen Anruf diesbezüglich wundert sich Kreissprecherin Katja Lorenzini: Denn nachdem es in den vergangenen Jahren still um das Gelände geworden war, meldete sich just in der vergangenen Woche wieder eine Anwohnerin beim Umwelttelefon des Rhein-Sieg-Kreises, um sich zu erkundigen, was genau da eigentlich vor ihrer Haustür wachse. Beunruhigt hatte die Frau die Aufschrift "Monsanto" auf einem Schild an der Versuchsfläche. Doch die Kreismitarbeiter konnten die Anruferin zumindest ein Stück weit beruhigen: "So weit wir wissen, ist die Fläche zwar dafür genehmigt worden, wird aber derzeit nicht genutzt", teilt Lorenzini mit.

Darüberhinaus sind im Kreis keine Flächen für die Ausbringung genmanipulierten Saatgutes ausgewiesen. Zudem streben Städte und Gemeinden verstärkt nach einem verbraucherfreundlichen Prädikat. 2004 erklärte sich Much als erste Kommune im Kreis zur "gentechnikfreien Zone". 1800 Bürger unterzeichneten damals eine entsprechende Forderung; die Landwirte ließen sich auf eine freiwillige Selbstverpflichtung ein, mit Hilfe derer Flächen von zusammen über 500 Hektar als gentechnikfrei gelten durften. Mit den Stimmen aller Parteien votierte daraufhin auch der Gemeinderat für eine herkömmliche Landwirtschaft und Ernährung. Als nächstes zog Hennef nach, dann Windeck, später Rheinbach. Diskutiert wird die Selbstverpflichtung derzeit in Niederkassel.

Auch für ein gentechnikfreies Bröltal haben sich bereits Streiter gefunden: Rita Tondorf und Sarah Zordel von den Ruppichterother Grünen wünschen sich eine solche Initiative: "Wir haben schon Gespräche mit Landwirten geführt. Wir möchten eine kleine Kampagne starten." Dabei machen sich die beiden Frauen keine Illusionen, dass Manipulationen am Erbgut heute nicht schon längst Gang und Gäbe sind. Allein mit einer Selbstverpflichtung der Bauern würde heutzutage keine Gemeinde mehr zur wahrhaftig "gentechnikfreien Zone". "Genetisch verändertes Material finden Sie überall", weiß Sarah Zordel, die sich speziell in diesem Bereich engagiert. "Lebensmittel, Kleidung, Medikamente, Unkrautvernichtungsmittel, die Liste ist ziemlich lang."

Wenn Organisationen wie Greenpeace oder foodwatch Lebensmittelhersteller ins Visier nehmen, ist meist genmanipuliertes Tierfutter im Spiel: Viele Produkte stammen von Fleisch-, Milch- oder Eierlieferanten, die mit erbgutveränderten Pflanzen ernährt wurden. Das veränderte Futter ist frei im Handel erhältlich, für Erzeuger und Verbraucher. Dass es in vielen Verkaufsstellen schon gar keine Alternative mehr zum Gen-Futter gibt, ärgert Rita Tondorf besonders. Auch im heimischen Verbraucher-Markt hat sie bereits genmanipulierte Körner entdeckt. "Im Bröltal hält jeder Dritte Hühner. Womit soll man die noch füttern?" Die 52-Jährige selbst fährt nach eigenen Angaben einige Kilometer Umweg, um für ihre Hennen Bio-Körner zu besorgen.

Auch Christoph Könen, Geschäftsführer der Kreisbauernschaft, weiß um das manipulierte Tierfutter: "Das ist sehr problematisch", räumt Könen ein: "90 Prozent des hier verkauften Soja ist genverändert." Die Landwirte drängten deshalb auf eine klare Deklaration der betroffenen Produkte." Im Bereich manipulierten Saatgutes lägen die Dinge anders: "Gentechnisch verändertes Saatgut ist im Rhein-Sieg-Kreis kein Thema. Der Einsatz wäre auch mit erheblichen Risiken behaftet. Wir von der Kreisbauernschaft können das nicht empfehlen." Inwiefern die Bauern auf Gen-Produkte verzichten wollen, überlasse der Verband jedoch seinen Mitgliedern.

Dass Erzeuger zwischen Windeck und Wachtberg Flächen an Konzerne wie Monsanto verpachten oder gar verkaufen, hält Könen für unwahrscheinlich: "Unsere Landwirte gehen mit ihren Flächen sehr vernünftig um." Der Aufruf zur gentechnikfreien Zone fand vor allem in Windeck starken Widerhall: Über die Hälfte der dort ansässigen Landwirte erklärten sich seinerzeit bereit, auf genmanipulierte Produkte zu verzichten. Möglich gewesen sei dies, so Könen, vor allem durch die hohe Zahl an Bio-Betrieben vor Ort und an Nebenerwerbs-Landwirten. "Da wurde kein Ratsbeschluss übergestülpt. Das war eine Initiative der Bauern."

Für Bio-Betriebe, bestätigt Könen, sind auch veränderte Futtermittel kein Thema. Wer als Verbraucher herkömmliche Waren vorfinden will, sollte nach Meinung der Grünen Sarah Zordel den Händler auf fragwürdige Produkte ansprechen. Die junge Frau aus Kämerscheid hat damit unterschiedliche Erfahrungen gemacht: "Manche lassen sich auf ein Gespräch ein; manche argumentieren. Und manche wissen es überhaupt nicht."

AKTIONEN - Widerstand mit gelbem Bantam-Mais

Pflanzenzüchter beklagen militante Aktionen gegen Versuchsfelder

Zertretene Jungpflanzen, zertrampelte Ackerfurchen, ein umgerissener Zaun - mit Bildern wie diesem untermauerte der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter aus Bonn jüngst einen Appell an die Bevölkerung. "Die zunehmende Gewaltbereitschaft einzelner Gruppierungen gegen die Grüne Gentechnik haben in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass sich die Anzahl wissenschaftlicher Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen dramatisch reduziert hat", klagte der Verband. Anlass war der dritte Runde Tisch zur Pflanzenbiotechnologie des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vergangene Woche.

Die Verantwortlichen für Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen möchten die Rahmenbedingungen für ihre Arbeit in Deutschland verbessern. Die "forschungsfeindliche Umgebung und Eingriffe in die Forschungsfreiheit" stellten, so der Zusammenschluss, eine "echte Gefahr für den Wissenschafts- und Innovationsstandort Deutschland" dar.

Ganz anders sehen das hingegen die Initiatoren der Aktion "Bantam Mais". Sie wird organisiert von der Initiative "Save Our Seeds", die sich für die Reinhaltung von gentechnikfreiem Saatgut einsetzt. Unterstützt werden die Aktivisten von 350 Organisationen in ganz Europa. Mit der Aktion "Bantam Mais" wollen die Ideengeber friedlichen Widerstand gegen die Forschung an gentechnisch veränderten Pflanzen leisten. Das Ziel: Möglichst viele Unterstützer der Aktion sollen die Maissorte privat aussähen, auch auf kleinsten Flächen. Davon verspricht sich die Initiative Folgendes: "Wer gentechnikfreie Maissorten wie den 'Golden Bantam' anbaut, muss über den Anbau von Gentechnik-Mais in seiner Nachbarschaft genau informiert werden", erklären die Verantwortlichen. Die Hobby-Anbauer müssten vor gentechnisch verändertem Pollen geschützt werden, "besonders dann, wenn aus der Ernte neues Saatgut gewonnen und vermehrt werden soll." Auf diese Weise könne jeder engagierte Bürger seinen Garten zur gentechnikfreien Zone machen. Diese wolle man "gemeinsam verteidigen", gibt sich "Save our Seeds" kämpferisch. Gewaltsame Aktionen seien damit keinesfalls gemeint, erklärt Volker Gehrmann von "Save our Seeds". "Wir distanzieren uns ausdrücklich von derartigen Aktionen. Die Aktion 'Bantam Mais' soll ein großes Gemeinschafts-Projekt sein, mit dem sich die Teilnehmer aktiv, aber friedlich gegen Gentechnik zur Wehr setzen." Die Resonanz sei gut, kommentiert er. "Wir bekommen gute Rückmeldungen, sowohl für den Mais, als auch für das 'Blaue Wunder'. Auch "Bantams Blaues Wunder" gehört nämlich seit Neustem in das Repertoire der Initiative. Hinter der Wunderpflanze verbirgt sich eine einfache Leinsamen-Art, der "Save our Seeds" bald zu großer Öffentlichkeit verhelfen will.

Der Grund: "2009 wurde in 36 Ländern gentechnisch veränderter Leinsamen in Brot und Müsli entdeckt und führte zu einer groß angelegten Rückruf-Aktion", erklärt die Initiative. "Die Gentechnik-Sorte 'Triffid' wurde vor neun Jahren in Kanada angebaut und ist nirgends auf der Welt zugelassen. Unbemerkt hatte sie sich dennoch in herkömmlichem Saatgut vermehrt. Alle Leinsamen aus Kanada müssen seither auf gentechnische Verunreinigungen geprüft werden." Mit der Aussaat und Weiterverbreitung von "Bantams Blaues Wunder" wollen die Aktivisten nun auch gegen diese Entwicklung ein Zeichen setzen. Genau wie beim Mais gibt die Initiative zwar selbst kein Saatgut weiter. Im Forum auf ihrer Homepage jedoch bieten sie Möglichkeiten zum Austausch, von Leinsaat, Mais und eigenen Meinungen.

: www.vz-nrw.de

: www.bvl.bund.de

: www.biotechnologie.de

: www.gentechnikfreie-regionen.de

: www.greenpeace.de/themen/

: www.vfa.de/gentech

INTERVIEW

"Ein starkes Symbol"

RHEIN-SIEG-ANZEIGER: Eine "gentechnikfreie Zone" bezeichnet eher eine Absichtserklärung als den tatsächlichen Zustand. Ist ein solches Prädikat also starkes Symbol oder Augenwischerei?

BERNWARD GEIER *: Es ist eine Absichtserklärung und es ist ein starkes Symbol. Aber Augenwischerei ist es auf keinen Fall: Das Prädikat "gentechnikfreie Zone" hat auf alle Fälle eine Konsequenz. Kommunen und Städte besitzen zum Beispiel sehr viel Land. Sie können die Pächter verpflichten, keine Gentechnik zu verwenden. Ganze Bundesländer, wie etwa in Oberösterreich, haben schon entsprechende Erklärungen abgegeben. In einem nächsten Schritt können sie dann schauen, wie sie sie umsetzen und ausgestalten können: Dass beispielsweise auch Importe von gentechnisch manipulierten Futtermitteln abgestellt werden. Dass Landwirten Alternativen zu diesen Futtermitteln geboten werden, und so weiter. Und: Gentechnikfreiheit muss man differenzieren! Mit Ausnahme von Mecklenburg-Vorpommern und Spanien ist Europa nämlich frei von direkter Gentechnik - also im Anbau. Ein zweiter Aspekt ist die indirekte Gentechnik, also zum Beispiel Lebensmittel von Tieren, die mit gentechnisch veränderten Futtermitteln ernährt wurden. Wenn bei uns direkte Gentechnik im Handel entdeckt wird, wird sie sofort aus dem Regal genommen. Wichtig ist aber, dass wir die Umstellung schaffen, indem wir auch die genmanipulierten Futtermittel abschaffen.

Eine gentechnikfreie Zone entsteht über eine freiwillige Selbstverpflichtung der Landwirte, auf Gentechnik zu verzichten. Wer kontrolliert die Einhaltung der Selbstverpflichtung?

GEIER: Sie wird nicht kontrolliert. Momentan ist der Anbau auch überschaubar: An gentechnisch veränderten Pflanzen ist nur die Kartoffel zugelassen, und die wird hier nicht angebaut. Ein Problem wäre es beispielsweise, wenn auch Mais zugelassen würde. Aber das ist bislang nicht der Fall, deswegen besteht im Moment, wie gesagt, auch kein Kontrollbedarf.

Was bringen "gentechnikfreie Zonen" also wirklich?

GEIER: Die wichtigste Aufgabe der "gentechnikfreien Zone" ist Wissensvermittlung, die Sensibilisierung der Menschen für das Thema Gentechnik. Mit der Einrichtung wird die Bevölkerung mit dem Thema konfrontiert und eingeladen, sich aktiv zu beteiligen. Der zweite Punkt: Die "gentechnikfreie Zone" ermöglicht es den Leuten, gemeinsam Stellung zu beziehen. Normalerweise sind Verbraucher ja nicht organisiert, wie zum Beispiel die Nahrungsmittelindustrie. Aber mit einer gentechnikfreien Zone können die Menschen Landwirte und Supermärkte geschlossen auffordern, keine Produkte, die auf Gentechnik basieren, zu verwenden. Damit wird die "gentechnikfreie Zone" zum klaren politischen Signal von unten an "die da oben". Sie macht deutlich: Gentechnik findet keine Zustimmung in der breiten Bevölkerung.

Wie schätzen Sie die Situation des Rhein-Sieg-Kreises im Bezug auf seine gentechnikfreien Zonen ein? Gibt es irgendwann den gentechnikfreien Kreis'?

GEIER: Es sollte unser Ziel sein. Im letzten Jahr haben wir uns zum Beispiel schon mit Gruppen von der Sieg getroffen, um gemeinsam den nächsten Schritt zu planen. Die "gentechnikfreien Zonen" müssen eine Bewegung ergeben, von der Kommune zum Kreis zur Region und schließlich zum Land. Unser nächstes Ziel sollte sein, unsere Kräfte zu bündeln und einen Antrag im Kreis zu stellen.

*: Bernward Geier (57), wohnt in Much-Alefeld und engagiert sich seit 40 Jahren als Ökoaktivist. Geier war lange Jahre in der Landwirtschaftsforschung tätig und fungierte 18 Jahre lang als Direktor des Weltverbandes des biologischen Landbaus

____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____ ____