Rhein-Sieg-Anzeiger vom 23.11.2009:
VERGLEICH - Abwasser: Drastisches Gefälle
Wenn es um die Gebühren für das Abwasser geht, so gibt es im Rhein-Sieg-Kreis große Unterschiede. Der
Gebühren-Experte des Steuerzahlerbundes Harald Schledorn fordert deshalb ein dezentralistisches System.
RHEIN-SIEG - Was Bürger zwischen Eitorf und Niederkassel für die Abwasserentsorgung zahlen müssen,
unterscheidet sich ganz erheblich: Das hat jüngst ein Gebührenvergleich des "Bundes der Steuerzahler NRW"
ergeben. Relativ günstig kommen demnach die Sankt Augustiner davon: Bei einem jährlichen Frischwasserverbrauch
von 200 Kubikmetern - das entspricht vier bis fünf Personen - und 130 Quadratmetern versiegelter Fläche
zahlt ein Grundstückseigentümer 649,30 Euro.
Fast doppelt so viel wird in Neunkirchen-Seelscheid fällig: 1106 Euro pro Jahr. Von den Kommunen im
rechtsrheinischen Rhein-Sieg-Kreis liegt nur Sankt Augustin knapp unter dem Landesdurchschnitt von 666,70
Euro. Niederkassel liegt mit 694,76 Euro dagegen knapp darüber. Günstiger wird's nur in
den Großstädten.
Wie kommen derart große Unterschiede zustande? "Vor allem in ländlicheren Kommunen wurden in den
vergangenen Jahren viele außen liegende Ortsteile ans Wassernetz angeschlossen", weiß Harald Schledorn,
Gebühren-Experte des Steuerzahlerbundes. Ob auch die kleinsten Weiler an die Kläranlage angeschlossen
werden müssten, sei aber rechtlich strittig. "Wir fordern: Die Kommunalaufsicht soll endlich den Stand
der Technik akzeptieren und dezentrale Kleinkläranlagen zulassen", so Schledorn. Denn in zersiedelten
Gemeinden wären die wesentlich günstiger.
"Falsch geplant"
Auch die Kommunen hätten einiges versäumt: Schon bei der Planung hätten sie auf dezentrale Anlagen
setzen sollen: Lange Kanalleitungen sind teuer. Andere Städte in Nordrhein-Westfalen, etwa das sauerländische
Welver, würden wegen dieser Sache bis vors Bundesverwaltungsgericht ziehen. "Man muss solche Vorgaben nicht
sklavisch hinnehmen", betont Schledorn.
Gegen diese Darstellung wehrt sich Frank Lohre, stellvertretender Vorstand der Wasserwerke in
Neunkirchen-Seelscheid: "Wir haben durchaus bei der Bezirksregierung Protest eingelegt." Aber es habe
nichts gebracht, weil das Abwassergesetz Ausnahmen vom Kanalanschluss nur vorsieht, wenn der Aufwand
unverhältnismäßig hoch ist und öffentliche Belange nicht entgegenstehen. "Sobald wir uns im Wasserschutzgebiet
befinden, werden öffentliche Belange berührt und es gibt keine Befreiung von der Anschlusspflicht." In
Neunkirchen-Seelscheid seien 70 Prozent des fraglichen Gebiets Trinkwasser-Schutzfläche. "Wir müssen allein
70 Pumpen betreiben, um das Abwasser ins Klärwerk zu pumpen." Das treibe die Gebühren hoch, zumal
Neunkirchen-Seelscheid vergleichsweise dünn besiedelt sei. "Lohmar hat bei einem Netz ähnlicher Größe etwa
10.000 Anschlüsse mehr."
Am teuersten in NRW ist eine Nachbarkommune: Im oberbergischen Waldbröl zahlt der Muster-Haushalt 1258
Euro pro Jahr fürs Abwasser. Doch Windeck erhöht zum 1. Januar - und ist Waldbröl somit hart auf der Spur.
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